Bieten Echtheitszertifikate für Vintage Motu-Figuren eigentlich einen Mehrwert?
Heute bin ich bei Facebook auf jemanden gestoßen, der seine vintage Masters of the Universe-Figuren inklusive Echtheitszertifikat verkauft. Das Zertifikat wurde ausgestellt von einem Shop, der alte Spielwaren verkauft und da saß ich dann und dachte hey, warum mach ich das eigentlich nicht?
Dann ist mir eingefallen, dass Masters of the Universe-Figuren zwar mit Resin- und Filamentdruckern nachgemacht werden können, und vielleicht haben manche sogar die Möglichkeit irgendwelche Spritzgusstechniken zu verwenden. Aber um ehrlich zu sein, sind neu hergestellte Motu-Figuren ja schon recht einfach zu erkennen. Sie wiegen anders, sie fühlen sich anders an, die Farben unterscheiden sich und sie sind allein schon weil sie neu hergestellt wurden stabiler und potenziell weniger zerkratzt.
Wann braucht man ein Echtheitszertifikat?
Eigentlich braucht man sowas ja nur dann, wenn man im Begriff ist, eine größere Menge Geld, sagen wir mal 100 Euro aufwärts, für etwas auszugeben, was potenziell gefälscht werden könnte. Fälschungen wären also eigens hergestellte Figuren oder Figuren, deren Zustand verändert wurde weil im Fall von Motu beispielsweise die Beingummis ausgetauscht, fehlende Körperteile ausgetauscht oder die Farben nachgemalt wurden. Mit dem Echtheitszertifikat bürgt der Ausstellende, dass es sich bei der Figur um eine „echte Figur“ handelt. Vielleicht definiert er noch in seinen AGB, dass dieses Echtheitszertifikat bestätigt, dass bestimmte Dinge davon ausgeschlossen sind aber im Allgemeinen bestätigt so ein Schrieb, dass die Figur unverändert ist, im Idealfall sogar „wie nach dem Auspacken“.
Wie stellt man denn fest, ob eine Figur „echt“ ist?
Dazu gehört natürlich eine Menge Fachwissen. Man muss wissen, wie die Figuren hergestellt wurden. Wurden sie mit einem Airbrush bemalt oder in Farbe getaucht? Gibt es verschiedene internationale Produktionsstätten und wenn ja, inwiefern unterscheiden sich die Produktionsmethoden? Gibt es in verschiedenen Ländern verschiedene Regelungen für die Herstellung von Produkten was z.B. die Zulassung von Farben angeht? Farben müssen ja nicht nur in dem Land, in dem das Produkt verkauft werden soll unbedenklich sein sondern auch für alle, die im Herstellungsprozess damit umgehen.
Haben sich in den Produktionszeitraumen die Rohstoffpreise so geändert, dass die verwendeten Rohstoffe mal gewechselt wurden, weshalb es zu Farb- oder Konsistenzunterschieden gekommen ist? Gab es herstellungsbedingt eine Umstellung der Maschinen, was zur Folge gehabt hat, dass Beispielsweise hohle Gummiköpfe gegen massive Plastikkopfe ausgetauscht wurden? Wurde während der Produktion auf Kundenbeschwerden reagiert? Sind Patente und die Rechte an Designs vielleicht mal abgelaufen, sodass Gesichter oder Logos mal geändert werden mussten?
Und wenn man die Fragen der Produktion mal beiseite lässt, gibt es Spuren an der einzelnen Figur, dass etwas verändert wurde? Gibt es Abdrücke oder Abschürfungen, die darauf schließen lassen, dass Arme oder Köpfe herausgehebelt wurden? Wie verändert sich die Farbe unter Sonneneinstrahlung und bei Temperaturschwankungen? Bei gleichbleibender Temperatur? Im Beispiel von der Figur „Extendar“ scheint die goldene Farbe der Handschuhe und Stiefel Metall enthalten zu haben, das im Laufe der Zeit grün oxidiert ist. Die größte Sorge ist ja immer, dass der Zustand der Figur dahingehend verändert wird, dass sie besser aussieht, als sie eigentlich ist. Das mag sich für Figuren, die 30-100 Euro kosten vielleicht nur unter bestimmten Bedingungen lohnen, aber die richtig dicke Kohle macht man ja mit Figuren, die bei 1000 Euro anfangen.
Acrylfarben sind ein Problem. Dünn aufgetragen ist ohne Hilfsmittel nicht zu erkennen, ob jemand dem „Ninjor“ die Haare schwarz nachgemalt hat. Andere Farben und Tinten sickern erst nach einer bestimmten Zeit ins Plastik ein und „bluten“ unter der „Haut“ aus, was zu nicht abwaschbaren Flecken führt.
Kritische Beleuchtung
Ein Echtheitszertifikat muss mir glaubhaft darüber Auskunft geben, dass der Sachverständige, der das ausstellt, das Ding, was ich kaufe, für echt hält. Irrtümer kann man sich natürlich vorbehalten und man wäre ein Idiot, wenn man das nicht als Klausel im Kleingedruckten irgendwo aufnehmen würde.
Die Firma NIX stellt, um mal einen kleinen Exkurs zu machen, einen Sensor her, mit dem man die Farbwerte eines Gegenstandes messen kann. Man nimmt das Gerät, platziert es auf der zu analysierenden Oberfläche und bekommt dann die entsprechenden Farbwerte ausgespuckt, anhand derer sich Farben mischen lassen. Das Gerät kostet in ganz klein 72 € und in cool über 1000 €. Es gibt sicherlich noch weitere Firmen, die ähnliche Geräte herstellen. Die Farben der Firma Vallejo sind schon ziemlich nah an den bei vintage Motu verwendeten Farben dran. Vermutlich hat Citadel ein ähnlich gutes Sortiment. Die Ersatz-Beingummis sind bei Ebay schnell bestellt. Es liegt also nahe, sich mit entsprechenden Werkzeugen einzudecken, um den großen Reibach mit nachträglich reparierten Motu-Figuren zu machen, wenn man im Internet so einfach an die Ressourcen dafür kommt. Oder?
Naja. Der Markt für Vintage Motu-Figuren ist überschaubar. Wenn jetzt jemand auftauchen würde, der ausschließlich perfekt „erhaltene“ Figuren verkauft, würde das nicht nur auffallen sondern auch die Frage aufwerfen, wo die wohl herkommen mögen. Es gab zu Beginn der 2000er eine Welle an Leuten, die nochmal durch Europa gefahren sind und da speziell die Niederlande und Italien im Auge hatten, um dort die Lager alter Spielwarenläden zu plündern, aber da die vintage Figuren eine endliche Ressource sind, weil sie eben nicht nachproduziert werden, wird es schwierig, sich ein Business damit aufzubauen, Motu-Figuren oder Spielwaren im allgemeinen zu fälschen. Wenn ich schon Spielzeug fälschen würde, dann natürlich nicht nur Motu, weil sich die Anschaffung der Materialien dafür allein gar nicht lohnen würde.
Dass man die Figuren und ihre Waffen einfach so 3D drucken kann stimmt zwar, aber sobald man auf diesem Wege gefälschte Figuren und Zubehörteile verkauft und sie in den Händen von Leuten landen, die bereits Motu-Figuren in den Händen hatten, wird das ganze auffallen. Sowohl Filament- als auch Resindrucker nutzen ein anderes Material als das der Originalfiguren und man wird den Unterschied was Material und Bemalung angeht in dem Moment feststellen, wo man das ganze Ding in Händen hält. Das wiederum führt, wenn entsprechend hohe Summen bezahlt wurden, zu Anzeigen und Briefen von Anwälten. Den Betrug kann man vielleicht 2-3 mal durchziehen aber welcher Sammler, der für eine Figur 1000 Euro bezahlt ist so uninformiert, dass er auf 3D gedruckte Fälschungen reinfällt? Man wird Glück haben, wenn man einen einzigen findet.
Bleiben also noch kaum wahrnehmbare Schönheitsreparaturen wie abgeplatzte Farben zu reparieren. Wie stellt man die fest? Also man kann vielleicht, wenn man ein digitales Auflichtmikroskop sein Eigen nennt, die Figur mal darunterlegen und schauen, ob man Farbübergänge sieht die nicht passen. Moderne Acrylfarben dürften sich so in Einzelfällen erkennen lassen, aber um das zu vermeiden kann man als Fälscher ja auch einfach das ganze Areal überpinseln und nichts von der alten Farbe übrig lassen. Und dann bräuchte man schon wieder ein weiteres Exemplar der Figur aus der gleichen Produktionsreihe (dem gleichen Land, der gleichen Fabrik, der gleichen Zeit) um das festzustellen.
Wir bewegen uns also so langsam in den Bereich professioneller Gutachter, mit den Mikroskopen, den Sensoren und dem ganzen Fachwissen. Und wenn man diese Geräte und das Fachwissen einmal hat, dann sind die Geld wert, das man in Form von Dienstleistungen damit verdienen kann.
Man sollte sich nur sehr sehr sicher sein, dass die Geräte und das Fachwissen das man hat, auch ausreichen um juristisch garantieren zu können, dass die Figuren, die man verkauft, echt und unverändert sind. Um das wirklich feststellen zu können, kann man ja mal eine Materialprobe so einer Figur an ein Labor senden und sich anhören, was die dazu zu sagen haben, sowohl was die Materialzusammensetzung als auch deren Preisgestaltung angeht.
Blöd wäre, wenn man jetzt hinginge, einer Actionfigur ein Echtheitszertifikat ausstellt und nach einem halben Jahr kommt der Kunde zu einem zurück und belegt durch den Zustand der Figur, dass das Echtheitszertifikat fälschlicherweise ausgestellt wurde. Das kann Betrug sein, der bereits im Versuch strafbar ist.
Ja aber das ist doch total übertrieben!
Ja, ist es.
Es ist unrealistisch, dass man für weit unter 10 Euro ein valides Echtheitszertifikat für eine Actionfigur bekommt, das tatsächlich auch irgendwelchen Standards entspricht. Im Prinzip kauft man sich für den Preis ein Stück Papier, dass man zu seiner Figur dazulegen kann. Etwas anderes, als dass der Händler selbst an der Figur nichts manipuliert hat, kann er nicht versprechen, weil ihm die Methoden zur Feststellung einfach fehlen. Und auch dann müssen das die Kunden, die ja selbst potenziell noch viel weniger Möglichkeiten zur Feststellung haben, dem Händler glauben.
Der Zettel mit dem Wohlfühlfaktor führt am Ende tatsächlich nur dazu, dass ein irrelevanter Konsens darüber, dass eine Figur „echt“ ist, wiedergekäut wird. Und dazu, dass Leute denken, dass man für die Figur mit dem Echtheitszertifikat 20-50 Euro mehr verlangen kann als für die, ohne.
Ich kann mir so viele Echtheitszertifikate ausdrucken, bis mein 500er Stapel Papier alle ist. Ich kann mir danach noch mehr Papier kaufen und Druckertinte und außer zum Nachlegen gar nicht mehr aufhören, die Dinger auszudrucken.
Wird meine Sammlung dadurch mehr wert, weil ich mir als Sachverständige selbst irgendwelche Zertifikate ausgestellt habe? Vermutlich leider ja.
Ich werde trotzdem in Zukunft darauf achten, mich nicht an solchen Echtheitszertifikaten zu beteiligen und nach Möglichkeit nichts kaufen, wo so ein Ding dran gebunden ist. Und das obwohl ich ’n Mikroskop in der Kragenweite habe.